4 FÄUSTE FÜR 2 KUPPLUNGSZÜGE

In Böblingen bei Stuttgart lernten sich Gianni und Simon im Frühjahr 2020 bei dunkelster Tiefgaragenatmosphäre beim klassischen „fünfminütigen“ Vergasereinstellen kennen. Schwuppdiwupp wurden aus einer Vespa zwei. Auf Giannis Balkon wurde von nun an kräftig mit Aceton der Originallack seiner übergepinselten 1973er V50 freigelegt. Die Vespa wurde sofort nach zuvor acht Jahren tristem Dasein in seinem Keller zur Wohnungsmitbewohnerin, um sie dort mit ordentlich Dampf auf die Straße zu bringen.

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Beim regelmäßigen Espresso aus dem Bezzera-Siebträger reifte schnell der Entschluss, Giannis 30. Geburtstag gebührend mit einigen netten Alpenpässen und Serpentinen zu feiern. Aufgrund zeitlicher Engpässe stellte sich der 1.800 km-Trip nicht nur als ein lang gehegter Traum heraus, sondern war zugleich auch die allererste (!) Fahrt für Giannis Karre, die über mehr als 10 Kilometer am Stück ging. Kurz zuvor - in einer Nacht- und Nebel-Aktion - sollte die Karre bei den Kumpels Felix Richter (KR Automation) und Großmeister Albert Lohff „noch kurz eben“ auf dem Prüfstand abgestimmt werden. Nach zwei (wir wiederholen: ZWEI!) Tagen intensiven Schraubens mit Panikersatzteilbeschaffung wurde aus der temperamentvollen und unfahrbaren Italo-Rennkarre eine Vespa, die es zumindest bis außerhalb des Landkreises schaffen sollte. Eins vorab: Temperamentvoll und durstig blieb so!

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Es war sowieso schon zu spät für den Wechsel auf ein alternatives Langstreckentourer-Setup: zwei Fährentickets und eine Ferienwohnung in Sardinien waren bereits für vierzehn Tage später ohne Rücktrittsrecht gebucht.

Simons 1966er Motovespa Sprint im Olack bekam vor der Tour auch noch ein paar nette Zusatzponys von Max Quattrini verpasst.

Los gings. Mit halber Werkstatt und sämtlichen Ersatzteilen (Gianni: „Ich nehm‘ mal lieber sicherheitshalber ein komplettes Schraubenkit mit!“) merkten wir spätestens an der Schweizer Grenze, dass nicht die Vespen, sondern unsere Bandscheiben das schwächste Glied an unserem Gespann war. Unsere Rückenschmerzen, verursacht durch 15 kg Rucksackgewicht in Verbindung mit Schwerkraft, wichen spätestens beim ersten Anblick der Alpen gnadenlosen Gesäßschmerzen. Wir waren zu stolz für eine Yankee. Das bezahlten wir von nun an teuer. Stopps zur Regeneration hatten wir jedoch genug: Während sich Simons Sprint als Langstrecken-Dieselross und Drehmomentkönigin erwies, schluckte Giannis Italienerin gute acht Liter auf 100 km. Jeder kann selbst rechnen, wie weit man da mit einem 5 Liter-Tank kommt. Aber man wird ja wohl noch mal in den Reso dürfen…

Bis auf einen gerissenen Kupplungszug liefen die beiden Reusen tadellos.

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Serpentine für Serpentine und Meter für Meter ging es hoch in die Alpen. Und es wurde es kalt. Regenklamotten raus – einmal ordentlich eingeschifft. Das nahm auch Simons Spanierin wörtlich: in den nagelneuen Schwimmer lief dank eines Haarrisses Benzin und der Sprit floss gnadenlos durch sämtliche Überlaufschläuche. Die Tour stand kurz auf der Kippe. Eins war von nun an klar: Die Schwimmerkammer musste von nun an im gleichen Tempo entleert werden wie Sprit nach floss. Das war der Appell zum rigorosen Angasen. Kurz vor Mitternacht erreichten wir am Ende des Oberalppasses das Tagesziel Disentis mitten im idyllischen Nichts der Schweizer Alpen. Wir hätten niemals gedacht, dass man für 17 Euro pro Person in der Schweiz so gut übernachten kann.

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Fünf Stunden Schlaf. Noch bei Dunkelheit ging es wieder los. Schnell kamen wir über den Lago Maggiore, vorbei am Mailänder Flughafen in den schier endlosen Reisfeldern von Alessandria an. Wir durchfuhren Ortschaft für Ortschaft vorbei an all den alten Reismühlen. Nach etlichen weiteren Tankstopps ging es direkt weiter durch das Küstengebirge von Genua. Um 16 Uhr erreichten wir den Hafen von Genua.

Welch Befreiung, auf Oberdeck der Fähre inmitten der ligurischen Abendsonne endlich aus der Lederkombi flutschen zu können. Denn im Stadtverkehr von Genua flossen wir förmlich dahin. Aus der lang ersehnten Dusche im Anschluss wurde nichts – alle Duschen waren aufgrund der COVID19-Hygienemaßnahmen verschlossen. Eine Kabine hatten wir leider nicht gebucht.

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Nach unruhiger Nacht mit selbstgebauter Aushilfskabine mitten auf dem Gang (zumindest im Sichtbereich hatten wir Privatsphäre) legten wir am nächsten Morgen auf Sardinien an. Anschließend folgten die letzten 40 km zur Ferienwohnung, selbstverständlich mit weiterem Tankstopp.

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Acht Tage traumhaftes Meer, ordentlich Pizza fritta, viel guter Kaffee und sardischer Wein halfen bei der Wundheilung.

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Die verzweifelte Suche kurz vor dem Ablegen der Fähre Richtung Genua nach einem Ersatzschwimmer ermöglichten unerwartet unvergessliche Gespräche und Bekanntschaften – alte sardische Signori öffneten für uns ihre Garagen und zeigten uns ihre Sammlungen samt Faro bassos im nahezu unversehrten Originallack. Und es riss ganz nebenbei erneut Simons Kupplungszug.

Neuer Tag, neues Glück. Morgens in Genua angekommen, erwies sich die Rückfahrt bis Chäserstatt in der Schweiz als kein Problem mehr. Das Hotel zur Übernachtung buchten wir spontan. Es wurde als „im Winter nur mit dem Schneemobil“ zu erreichen“ angepriesen. Irgendwann wich auch der letzte verbliebene Asphalt feinstem Waldboden. „Straße“ konnte man das nicht mehr nennen. Haarnadelkurve für Haarnadelkurve fuhren wir nachts ohne Leitplanke durch Matsch und Geröll bis auf 1.800 m Höhe, bis uns eine kleine Berghütte erwartete. Wir waren uns sicher, dass wir dort oben die ersten und auch die letzten Vespafahrer sein würden. Das Teil stellte sich anschließend als echter Geheimtipp raus – wir saßen um 23:30 im beheizten Außenwhirlpool mit Blick auf ein atemberaubendes Bergmassiv. Der Tag war unvergesslich.

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Der Furkapass am darauffolgenden Tag war ein echtes Highlight. Jeder Zweiradfahrer muss diesen Pass einmal in seinem Leben befahren. Kotflügel an Kotflügel quälten sich unsere Ladies auf 2.500 Höhenmeter. Auch wenn wir sicher nicht die Schnellesten waren, so waren wir zumindest die Lautesten.

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Das Fazit unseres Trips: Trotz vieler Anstrengungen war es ein atemberaubender Trip mit Erinnerungen für die Ewigkeit. Irgendwann verschmilzt du über deine Bandscheibe mit deiner Vespa. Sie kennt dich, du kennst sie. Die wasserdicht verpackten Ersatzkupplungen, Ersatzzündungen, das Schraubenkit, ein komplettes 3/8-Ratschenset samt Maulschlüssel von 6 bis 24 und so weiter hätten wir lieber gegen Schwimmer und noch mehr Kupplungszüge eingetauscht. Kauft euch ordentliche Rucksäcke. Oder Gepäckträger. Von der Yankee ganz zu schweigen. Überlegt nicht zu lange – macht es einfach. Buchen, rauf auf den Bock, genießen!



UNSERE ROLLER

Simons spanische Motovespa Sprint aus 1966 im Olack
Quattrini M1X 181ccm
60 mm Langhub-Welle
Dell’Orto PHBH28
BGM Superstrong Abgasanlage
BGM BigBox Sport
20,1 PS


Giannis italienische Vespa V50 aus 1973 im Olack
FALC Racing 135 ccm
FALC Racing Membranansaugstutzen
Dell’Orto VHSB34
LTH Midrange Abgasanlage
Overrev Zündung
21,3 PS